Unser Beitrag zum Artikel im Tagesanzeiger vom 14.8.2026
Nicht die Älteren, sondern die Jungen essen am klimaschädlichsten
Fleisch, Milchprodukte, Softdrinks: Jugendliche belasten das Klima mit ihrer Ernährung stärker als alle anderen. Eine andere Generation steht ebenfalls im Fokus.
Die Studie und ihre Brisanz für die Schweiz
Eine aktuelle Studie in Nature Food zeigt: Jugendliche (11–29 Jahre) verursachen die höchsten ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen pro Kopf, während die Generation 60+ absolut den größten Anteil am Emissionsanstieg der letzten 20 Jahre trägt. Doch wie sind diese Ergebnisse für die Schweiz einzuordnen – und welche Rolle spielen individuelle Bedürfnisse wie Alter, Geschlecht oder körperliche Arbeit?
Dr. Niels Jungbluth, Geschäftsführer von ESU-services GmbH und Experte für Ökobilanzen im Ernährungsbereich, wurde hierzu befragt und sieht in der Studie vor allem eines: Eine Bestätigung, dass allgemeine Ernährungsempfehlungen auch für bestimmte Bevölkerungsgruppen differenzierter werden müssen – sowohl aus ökologischer als auch aus gesundheitlicher Sicht.
🔹 Warum die Studie für die Schweiz relevant ist
Die Studie kommt zu einem passenden Zeitpunkt: Aktuell stehen die Schweizer Ernährungsempfehlungen politisch unter Druck. Insbesondere von Seiten der Fleischbranche (z. B. Proviande) gibt es Bestrebungen, die bisherigen Empfehlungen zugunsten eines höheren Fleischkonsums zu verändern. Die aktuelle Studie unterstreicht jedoch:
„Die wichtigsten Erkenntnisse ändern aus meiner Sicht wenig an der grundlegenden Richtung: Für die meisten Menschen in der Schweiz bietet eine stärker pflanzenbasierte Ernährung sowohl gesundheitliche als auch ökologische Vorteile.“ – Niels Jungbluth
Allerdings – und das ist entscheidend – muss die konkrete Ausgestaltung an Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand und Aktivitätsniveau angepasst werden, um die jeweiligen Nährstoffbedürfnisse zu erfüllen.
📊 Die Kernprobleme im Überblick
| Altersgruppe | Hauptemissionstreiber | Lösungsansatz (laut Jungbluth) |
|---|---|---|
| 11–29 Jahre | Fleisch, Milchprodukte, Fertigprodukte, Softdrinks | Schulprogramme, attraktive pflanzliche Alternativen (z. B. in Kantinen), Ernährungsbildung |
| 60+ Jahre | Demografischer Anstieg (mehr Senior:innen) | Anpassung in Heimen/Spitälern (proteinreiche vegetarische Gerichte, weniger Lebensmittelabfall) |
| Erwachsene | Berufliche Belastung (z. B. Bauarbeiter vs. Büro) | Flexible Empfehlungen nach Aktivitätslevel |
🔹 Demografie als Klimafaktor: Warum Senior:innen indirekt Emissionen treiben
Die Studie zeigt: In wohlhabenden Ländern wie der Schweiz steigt der Anteil älterer Menschen – und damit automatisch ihr Anteil an den Gesamtemissionen der Ernährung. Das bedeutet nicht zwingend, dass Senior:innen besonders emissionsintensiv essen, sondern dass ihr Bevölkerungsanteil wächst.
Hier liegt ein Hebel für Klimaschutz: In Heimen und Spitälern könnten Mahlzeiten gezielt klimafreundlicher gestaltet werden – etwa durch:
- ✅ Proteinreiche vegetarische Alternativen zu Fleischgerichten
- ✅ Reduktion von Lebensmittelabfällen (ein Hauptfaktor für Emissionen)
- ✅ Genussbetonte Kommunikation („Attraktive Alternativen statt Verzichtsbotschaften“)
🔹 Jugendliche: Potenzial für gezielte Maßnahmen
Jugendliche und junge Erwachsene essen pro Kopf am klimaschädlichsten – vor allem wegen:
- Fleischkonsum (Schweiz: Menu-CH-Daten zeigen höheren Fleischkonsum bei Jüngeren)
- Zucker und Fertigprodukte
- Getränkewahl (Softdrinks, Milchprodukte)
🔹 Politischer Kontext: Fleischlobby vs. Wissenschaft
Die Studie erscheint zu einem kritischen Zeitpunkt: Die Fleischbranche versucht aktuell, die Schweizer Ernährungsempfehlungen zu verwässern. So kritisiert Proviande, dass Fleisch in der neuen Lebensmittelpyramide des Bundes „halb versteckt“ hinter Tofu steht.
Doch die wissenschaftliche Evidenz ist klar:
- Tierische Produkte (Fleisch, Milch) verursachen 60–70% der ernährungsbedingten Emissionen in Westeuropa.
- Eine stärker pflanzenbasierte Ernährung bringt gesundheitliche und ökologische Vorteile – wenn sie an individuelle Bedürfnisse angepasst ist.
🔹 Fazit: Individuelle Bedürfnisse als Schlüssel
Die Studie untermauert, was ich seit Jahren betone:
- Grundsätzliche Empfehlungen (weniger tierische Produkte, mehr Pflanzen) gelten für alle.
- Die Umsetzung muss alters- und bedarfsgerecht sein:
- Jugendliche: Bildung, attraktive Alternativen, Schulprogramme
- Senior:innen: Anpassung in Heimen/Spitälern, proteinreiche vegetarische Gerichte
- Erwachsene: Flexibilität nach Beruf und Aktivitätslevel
- Demografische Entwicklungen (z. B. alternde Bevölkerung) müssen in der Klimapolitik berücksichtigt werden.
„Alter ist nur einer von vielen Faktoren, die den Nährstoffbedarf beeinflussen. Auch Geschlecht und körperliche Aktivität spielen eine Rolle. Ein Bauarbeiter hat andere Bedürfnisse als eine Person im Homeoffice.“ – Niels Jungbluth
📢 Handlungsaufforderung: Die Schweiz sollte altersgerechte Ernährungsstrategien entwickeln – ohne Verzichtsbotschaften, aber mit attraktiven, nachhaltigen Alternativen. Die aktuelle Debatte um die Ernährungsempfehlungen bietet die Chance, Wissenschaft und Praxis endlich zusammenzubringen.