Mehr US-Flüssiggas für die Schweiz – Klimafreundlich oder klimapolitischer Rückschritt?
Angesichts drohender Strafzölle prüft der Bundesrat den Direktimport von Flüssiggas (LNG) aus den USA. Was zunächst nach einer pragmatischen Lösung klingt, könnte sich als klimapolitisch problematisch erweisen: Laut aktuellen Ökobilanzdaten von ESU-services würde sich die Klimabilanz der Schweiz durch diesen Schritt deutlich verschlechtern.
Ein Blick auf die Zahlen – Zustand 2023
Gemäss einem Artikel im Bund vom 4.8.25 prüft der Bundesrat den Direkt-Import von US-Flüssiggas. Im Jahr 2023 stammte das Erdgas für die Schweiz hauptsächlich aus Frankreich, Italien und Deutschland (vgl. Fig. 1) – Länder, die ihrerseits mehrheitlich Gas aus Norwegen, den USA, Russland, Algerien und Katar bezogen (vgl. Fig. 2). Flüssiggas aus den USA machte dabei indirekt bereits 25 % der Schweizer Importe aus.


Fig. 2 Kumulierter Anteil von gasförmigem und verflüssigtem Erdgas (LNG), das aus verschiedenen Herkunftsländern, über die zuvor genannten Länder, im Jahr 2023, in die Schweiz importiert wurde
Unterschiede zwischen verschiedenen Herkunftsländern
Doch ein vollständiger Umstieg auf US-LNG hätte negative Klimafolgen: Die Treibhausgasemissionen für die Bereitstellung des Gases würden sich um 50% erhöhen.
Dies, einerseits, weil die Verflüssigung, der Transport des Flüssiggases mittels Schiffs und die erneute Umwandlung in den gasförmigen Zustand aufwändiger ist als der Transport in Pipelines, wie es für norwegisches Erdgas möglich ist. Und andererseits, weil die Gewinnung von Erdgas je nach geologischen Gegebenheiten und eingesetzten Technologien am Ursprungsort zu unterschiedlich hohen Energieverbräuchen und Treibhausgasemissionen führt (vgl. Fig. 3). Durch den Wegfall der Lieferungen per Pipeline aus Russland haben sich die Treibhausgasemissionen der Vorkette gegenüber der Vorkriegssituation bereits erhöht. Ein Umstieg auf US-LNG wäre die aus Klimasicht schlechteste Alternative.

Fig. 3 Klimaerwärmungspotenzial für die Bereitstellung von Erdgas in Frankreich, verflüssigt via Schifftransport (LNG unterschiedlicher Herkunft) vs. Erdgas, gasförmig, via Pipeline aus Norwegen. Werte in kg CO2-eq/m3 (IPCC 2021, 100a).
Relativierung durch Nutzung
Zwar entstehen die meisten Emissionen bei der Verbrennung des Gases – etwa in Heizungen oder Industrieanlagen. Wird dieser Schritt mitberücksichtigt, fällt die Erhöhung der Gesamtemissionen durch den 100% LNG-Import „nur“ noch, mit 9.6% ins Gewicht. Doch auch dieser Anstieg ist in Zeiten ambitionierter Klimaziele nicht zu ignorieren.
Politischer Handlungsbedarf
Die Schweiz steht an einem energiepolitischen Scheideweg. Mehr als 80% des heimischen Energiebedarfs wird importiert. Der mögliche LNG-Import aus den USA ist nicht nur eine wirtschaftliche Entscheidung – er ist ein klimapolitisches Statement. Wenn die Schweiz ihre Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaabkommen ernst nimmt, muss sie solche Entscheidungen kritisch hinterfragen und die Abhängigkeit von importierter Energie deutlich senken.
Es braucht jetzt eine breite politische und gesellschaftliche Debatte über die Zukunft unserer Energieversorgung. Der Bundesrat sollte Transparenz schaffen und Unternehmen und Konsumierende dabei unterstützen, auf eine volkswirtschaftlich günstige, selbstbestimmte und nachhaltige Energieversorgung umzustellen.
Hintergrund und Beratungsangebot:
ESU-services aktualisiert regelmässig die Ökobilanzdaten für die globalen Erdöl- und Erdgas-Versorgungsketten für verschiedene Auftraggeber. Im letzten Update (2025, mit Referenzjahr 2023) wurden dabei für Erdgas Konsummixe in 55 Ländern und 4 globalen Regionen untersucht. Hintergrundberichte (in Englisch) werden auf unserer Website veröffentlicht.
Die Auswertungen in diesem Artikel beziehen sich auf Daten aus der frei verfügbaren BAFU:2025-Datenbank, sowie eigener Modellierungen, welche unabhängig von den Auftraggebern der Datenerhebung durchgeführt wurden.
Gerne erstellen wir für Sie transparente Studien oder beraten Sie bei Fragen rund um Ökobilanzen, Klimafussabdruck, Umweltdeklarationen u.v.m.